
Helmut Gutenberger (Manager Pulp and Paper) und Wojciech Pastuszczyn (Specialist Pulp and Paper), Papierexperten bei Messer, möchten die Papierherstellung in Europa durch den Einsatz von Industriegasen erheblich umweltschonender machen. Im Interview verraten sie Interessantes über das Massenprodukt, das in Wahrheit immer unterschiedlich ist.
on air: Wie kann man sich die Papierbranche vorstellen, wie sehr sind die Hersteller und ihre Prozesse vergleichbar?
Wojciech Pastuszczyn: Nur das Grundprinzip der Papierherstellung ist bei allen Produzenten gleich: Es bedarf eines Rohstoffs – Holz oder Altpapier oder beides –, sehr viel Wasser und einer Riesenmenge Energie, Chemikalien und verschiedener Hilfsstoffe sowie einer Papiermaschine. Doch so viele verschiedene Arten von Papier es gibt, so unterschiedlich sind die Prozesse, in denen sie hergestellt werden. Und wo kein vergleichbarer Herstellprozess, da auch keine vergleichbare Papierfabrik. Das Papier für eine Ausgabe der größten deutschen Tageszeitung, der Bild-Zeitung, wird in nur zwei Stunden hergestellt, denn viele Prozesse laufen gleichzeitig ab. Da der Kunde seinen Produktionskreislauf am besten kennt, müssen wir sehr kundenorientiert arbeiten. Eine genaue Systemanalyse zeigt, wo die Probleme liegen, die wir gemeinsam lösen müssen. Wir fokussieren uns dabei auf die Erfassung europäischer Unternehmen – es gibt viele Papiermühlen, besonders in Deutschland, Frankreich und Italien.
Helmut Gutenberger: In Slowenien arbeiten wir sehr intensiv mit der Papierfabrik Kolićevo und gleichzeitig der Universität Maribor zusammen, um beste Ergebnisse bei der Optimierung der Prozesstechnologie zu erzielen. In Italien kooperieren wir mit der Universität Fabriano. Das spricht sich in der Branche herum: Die Papiermühlenbetreiber kennen und unterstützen sich gegenseitig, denn als Hersteller unterschiedlicher Papiersorten sind sie keine direkten Wettbewerber.
on air: Zu welchen Problemen kann es in der Papierherstellung kommen?
Helmut Gutenberger: Da gebe ich Ihnen gerne ein Beispiel: Gemische aus Altpapier und Wasser lagern in großen Speichertanks, auch Vorratsbütten genannt. Altpapier ist ein Rohstoff, der schon durch viele Hände gegangen ist, daher entsteht im Lagertank eine hohe mikrobiologische Aktivität. Die Bakterien, so genannte Säurebildner, führen zu einer Absenkung des pH-Werts des Gemischs auf etwa 6,5. Festes Kalziumkarbonat – das als Füllstoff bei der Papiererzeugung eingesetzt wird – löst sich bei einem pH-Wert unter 8 auf, und es entsteht freies Kalzium. Freies Kalzium ist sehr reaktiv und bildet unter anderem Kalziumsulfat, Kalziumseifen und agglomeriert Microstickies zu Macrostickies. Dieses würde nicht nur zu unerwünschten Ablagerungen führen; das feste Kalziumkarbonat hat durch den hohen Weißgrad auch sehr großen Einfluss auf die Helligkeit des Papiers. Wir erhöhen den pHWert durch die Zugabe von Kohlendioxid von Messer, das reduziert die Auflösung von Kalziumkarbonat. In Wasser gelöst wird Kohlendioxid zwar ebenfalls zu einer milden Säure, zur bekannten Kohlensäure, wirkt auf der anderen Seite aber bakteriostatisch und hemmt daher auf natürlichem Weg das Wachstum der Mikroben.
on air: Ist der Einsatz von Kohlendioxid in Bezug auf die Umweltverträglichkeit wirklich eine gute Wahl?
Helmut Gutenberger: Wir gewinnen das Kohlendioxid größtenteils aus Industrieabluft, so gelangt das CO2 gar nicht erst in die Atmosphäre, sondern wird in Prozessen eingesetzt, in denen es Umweltbelastungen vorbeugt. Das Kohlendioxid wird im eben genannten Beispiel vollständig im Wasser gelöst. Durch den extremen Energiebedarf in der Papiermühle ist der so genannte „Carbon Footprint“, der CO2-Ausstoß während der kompletten Prozesskette, grundsätzlich sehr hoch. Wir arbeiten derzeit an der Konzeption einer „grünen Papierfabrik“, gänzlich ohne CO2-Ausstoß und mit stark reduziertem Frischwasserverbrauch durch die Rückführung des Wassers in den Kreislauf. Es muss das Ziel der Papierindustrie sein, den CO2-Ausstoß sowie den Wasser- und Energieverbrauch zu reduzieren – das muss unser aller Ziel sein! Wichtig ist Nachhaltigkeit. Wir sind mit dem Ziel an den Markt gegangen, nicht ein, sondern der Ansprechpartner der Papierindustrie zu sein. Wir wollen gemeinsam die Ressourcen schonen.
Wojciech Pastuszczyn: Durch den Einsatz von CO2 können Biozide eingespart werden. Biozide gelangen in das Abwasser und hemmen dort die mikrobiologische Aktivität, ohne die Kläranlagen nicht funktionieren. Zu einer Papierfabrik gehört fast immer eine eigene Kläranlage; auch hier kann Kohlensäure die Zugabe von Schwefelsäure zur Neutralisation des Abwassers umweltschonend ersetzen.
on air: Wie schaffen Sie den Know-how-Transfer?
Wojciech Pastuszczyn: Ich weiß, was ich nicht weiß – die Entwicklung in der Papierindustrie schreitet schnell voran und so lerne ich vor allem, indem ich mich mit den Prozessen intensiv auseinandersetze. Zu Beginn habe ich in zwölf polnischen Mühlen Systemanalysen gemacht, bevor ich den ersten Vertrag über Zellstoffwäsche mit Kohlendioxid abschließen konnte. Nach einem Erstkontakt kann die Zeit bis zum Vertragsabschluss von sechs Monaten bis zu drei bis vier Jahren variieren.
Helmut Gutenberger: Bereits mein Vater und mein Großvater waren Papiermacher und ich selbst arbeite seit mehr als 20 Jahren in der Papierindustrie. Diese Branche übt eine ungeheure Faszination auf mich aus – daher gebe ich mein Wissen gerne weiter, obwohl der Know-how-Transfer durch die Diversität schwierig ist. Unsere Bilanz nach vier Jahren lautet: Wir sind durch eine gute Zusammenarbeit mit unseren Kunden, mit Instituten und den Kollegen unserer europäischen Tochtergesellschaften im Geschäftsbereich Papier und Zellstoff sehr erfolgreich. In Zahlen: Wir haben 14 Millionen Kubikmeter unserer Gase an Papierhersteller verkauft.