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Interview mit Dirk Fünfhausen und Johann Ringhofer (Mai 2008)

Interview mit Dirk Fünfhausen, Senior Vice President Central Europe, und Johann Ringhofer, Senior Vice President South Eastern Europe

Herr Ringhofer, was zeichnet die wirtschaftliche Umgebung in Osteuropa aus?
RinghoferRinghofer: In Osteuropa hält die Europäische Union Einzug, und damit einhergehend gleichen sich die Rahmenbedingungen für die Industrie in jedem Land an. Die EU-Standards gelten vornehmlich für Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen. Nach wie vor gibt es viele ausländische Direktinvestitionen, und die Arbeitskräfte sind vergleichsweise günstig. Je weiter wir nach Osten kommen, umso höher ist der Neubedarf an unseren Gasen. In Rumänien, der Türkei und in Serbien erleben wir ein starkes allgemeines Wirtschaftswachstum, das auch unsere Branche mitzieht. Durch entsprechende Investitionen in diese Länder errichten wir ein wichtiges Standbein für die Produktversorgung. Polen und die Ukraine, wo wir neue Luftzerlegungsanlagen errichten, sind herausragend bezüglich ihrer Einwohnerdichte und Fläche und sollten daher auch Wachstumstreiber sein. Traditionell hat der Name Messer in Osteuropa einen sehr guten Klang. Wir setzen gleiche Standards wie bei unserem Kunden Lonza in der Schweiz – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Herr Fünfhausen, was sind denn die Besonderheiten der osteuropäischen Märkte?
FünfhausenFünfhausen: In Osteuropa gehen wir nicht so sehr in die Nischen wie in Westeuropa, sondern sind breiter aufgestellt. Diese flächendeckende Marktstellung bauen wir stetig aus. Schon lange wird in Osteuropa länderübergreifend gedacht und gehandelt. Das liegt vor allem daran, dass in den entsprechenden Ländern die Infrastruktur ähnlich und gleichzeitig gewachsen ist. Auf Messer ist das wie folgt übertragbar: Eine Produktionsanlage liefert Gase zur Versorgung von Kunden über Ländergrenzen hinweg. Aus unserer neuen Luftzerlegungsanlage im polnischen Rybnik, die Ende 2008 fertiggestellt wird, werden wir neben unseren Gesellschaften in Tschechien und der Slowakei auch die Salzgitter AG, einer der führenden Stahltechnologie-Konzerne Europas, in Deutschland beliefern, bis die Luftzerlegungsanlage in Salzgitter in Betrieb geht.

Welche Technologien und Branchen versprechen in Polen die besten Ansatzpunkte für profitables Wachstum?
Fünfhausen: Natürlich ist die Metallurgie immer noch eine Kernbranche in Polen. Wir haben im Geschäftsjahr 2007 über 70 neue Kunden gewonnen, die Betriebs- und Arbeitsgase zum Laserschneiden, Laserschweißen oder -löten benötigen. In Chorzów, unserem Hauptstandort in Polen, können wir Lasergase unter einem Druck von 300 bar in Flaschenbündel abfüllen, das macht uns zum einzigen Anbieter von 300-bar-Bündeln in Polen. Mit Trumpf sind wir in Polen sehr eng verzahnt und haben das Fertigungstechnikum in Warschau komplett ausgestattet. Viele konkrete Projekte betreffen aber auch die Abwasserbehandlung und Trinkwasseraufbereitung. In Polen boomen die Fischzucht, in der wir Sauerstoff einsetzen, und der Kohlendioxid-Eintrag in Gewächshäusern, vor allem weil das Verfahren das teure Erdgas spart. Für die Lebensmittelindustrie entwickeln wir innovative Anwendungen für die Kühlung mit Flüssigstickstoff oder Kohlendioxid. Wir setzten den ersten Meilenstein für die Einführung des Siber-Transportkühlungssystems und bauen unsere Kompetenzen im Bereich des Schutzgasverpackens von Lebensmitteln aus. In diesem Bereich erwarten wir größeres Kundeninteresse dank wachsender Exporte in die westeuropäischen Märkte. Die führenden Lebensmittelhersteller beginnen, mit unserer Hilfe die Konservierungsmittel mit antiseptischer Prozessführung unter dem Einsatz von Stickstoff zu ersetzen. So beliefern wir beispielsweise den polnischen Fleischverarbeiter Sokołów mit flüssigem Stickstoff zur Kühlung der Fleischprodukte während der Verarbeitung und der Fertigung.

Welche Schwerpunkte haben Sie in Österreich gesetzt?
Fünfhausen: Wir können heute von Erfolgen in sehr verschiedenen Branchen berichten: In der österreichischen Bauindustrie wurde die Zementkühlung bei vier weiteren Kunden eingesetzt. Das Verfahren ermöglicht eine zuverlässige Temperatursteuerung des Betons bei geringerem Kühlmittelverbrauch. Mit drei Neukunden für die CO2-Gewächshausdüngung und weiteren Verträgen mit Lebensmittelgroßhändlern zur Installation des Siber-Systems zur Transportkühlung zeigt sich auch der Bereich Lebensmitteltechnik erfolgreich. Nach Coca-Cola, Red Bull und Römerquelle konnte mit Starzinger ein weiterer Getränkehersteller als Kunde gewonnen werden. Für die Gewinnung von Energie aus erneuerbaren Energieträgern im Bioethanolwerk Pischelsdorf liefert Messer Austria Stickstoff zur Inertisierung und Sauerstoff zur Kühlwasserozonisierung. Wir sind sehr breit aufgestellt, auch im Bereich Spezialgase. Die intensive Bearbeitung der Märkte brachte 2007 einen Zuwachs bei Krypton und Helium von über 50 Prozent.

Herr Ringhofer, in Slowenien haben Sie gute Erfolge im Bereich der Lebensmitteltechnik zu verzeichnen, welche sind das?
Ringhofer: Wir haben in der Tat die meisten neuen Projekte auf dem Gebiet der Nahrungsmittelindustrie zu verzeichnen, aber immer noch auch im Bereich Schweißen und Schneiden. Mercator versorgen wir mit flüssigem Kohlendioxid zur Herstellung von Trockeneis für die Cryo2pack5-Anlagen zur Transportkühlung. Bei Proconi installierten wir einen Gefriertunnel zum Schockfrosten von  gefüllten Tomaten, Paprika und Zucchini. Die Firma Calcit benötigt jährlich 1000 Tonnen Kohlendioxid zur Herstellung von Kalziumkarbonat. Sehr wichtig ist für unsere Gesellschaft Messer Slovenija: Wir haben als erster Industriegaseanbieter in Slowenien eine Genehmigung für die Herstellung von Arzneimitteln bekommen und können jetzt medizinischen Sauerstoff in Stahlflaschen vertreiben.

Budapest ist die Zentrale der südosteuropäischen Gesellschaften. Sie betreiben dort neben einer Luftzerlegungsanlage das Messer- Control-Center zur länderübergreifenden Überwachung von Produktionsanlagen. Nun ist Ungarn für Messer kein Land, das neu erobert werden muss – welche sind aber die neuen Projekte?
Ringhofer: Wir haben schon sehr enge Kundenbeziehungen, die wir stets weiter festigen. Bei unserem langjährigen Kunden Richter Gedeon, dem bedeutendsten ungarischen Pharmaproduzenten, haben wir die Gaseproduktion vor Ort in 2007 mit einer neuen On Site-Anlage mehr als verdoppelt. Der wichtigste Hersteller von Kohlefasern Ungarns, Zoltek, ist unser größter On Site-Kunde. Mit einer weiteren Investition von 2,65 Millionen Euro für eine Erweiterung der Stickstoffproduktion haben wir den langfristigen Liefervertrag gesichert. Kohlefasern kommen unter anderem in der Raumfahrt und in der Auto-, Plastik- und Bauindustrie zum Einsatz. Bei ihrer Herstellung wird Stickstoff zum Inertisieren während der Karbonisierung der Fasern verwendet.
Ein neuer Kunde ist Hankook, Reifenhersteller aus Korea. Hankook hat seine erste europäische Produktionsanlage in Ungarn errichtet. Seit März 2007 liefern wir 3,5 Millionen Kubikmeter Stickstoff im Jahr, bis wir einen Stickstoffgenerator in Betrieb nehmen, der den bis 2009 steigenden Bedarf von etwa zehn Millionen Kubikmetern Stickstoff im Jahr decken wird.

Sie haben sich auch in Ungarn als Partner für die Lebensmittelindustrie etabliert – welche Neuigkeiten gibt es?
Ringhofer: Die Firma Waterdeep produziert seit diesem Jahr eine Million Flaschen Mineralwasser der Marke Imola, 60 Prozent davon mit Sprudel. Wir liefern 800 Tonnen Kohlensäure im Jahr, in diesem Jahr wird auch ein Flüssigstickstoffinjektor in Betrieb genommen. Unseren Partner Buszesz beliefern wir auch mit Kohlendioxid und mit Stickstoff, der in PET-Flaschen und in Getränkedosen für einen Innendruck sorgt, der sie formstabil und stapelbar macht. Beim Backwarenhersteller Zalaco wird der Produktionsbetrieb ausgedehnt. Wir unterstützen dies mit einem neuen Schrankfroster. Die Schockfrostung sichert die hohe Qualität der Produkte. Und nicht zuletzt haben wir Ende Oktober 2006 mit Unilever einen Vertrag über die Lieferung von flüssigem Stickstoff unterzeichnet. Er wird zur schnellen Härtung der Schokoladenbeschichtung von Eiscreme eingesetzt.

Im Jahr 2007 hat die serbische Gesellschaft ihren 10. Geburtstag gefeiert. Wie ist das Fazit Ihrer Geschäftstätigkeit im Herzen des Balkans?
Ringhofer: Wenn man Messer und Tehnogas zusammennimmt, dann kann man auf eine sehr lange Gase-Erfahrung zurückgreifen. Diese „Message“ haben wir unseren Kunden, Partnern und Mitarbeitern im Jahr 2007 mitgegeben. Zum dritten Mal in Folge wurde Messer Tehnogas mit dem Award für die beste ausländische Marke ausgezeichnet. Der Award wird jährlich vom serbischen Handelsministerium und der Zeitung Pregled vergeben. Zwei andere deutsche Marken – Henkel und Raiffeisenbank - konnten sich hinter Messer Tehnogas platzieren. Wir erhielten in Serbien das in der EU vorgeschriebene HACCP-Zertifikat für die sichere Produktion von Lebensmittelgasen vom Technischen Überwachungsverein München, Deutschland. Da Messer Tehnogas seine Gase, wie CO2, Stickstoff, Argon und seit Mai 2007 auch wieder Lachgas, an die Lebensmittelindustrie und Messer-Gesellschaften in der benachbarten EU liefert, wurde die Zertifizierung erforderlich, obwohl Serbien noch nicht der EU beigetreten ist. Die Überprüfung des HACCP-Systems erfolgt jährlich.

Wie wichtig sind solche Zertifi zierungen in Ihrer Branche?
Ringhofer: Sehr wichtig! Blicken wir einmal nach Kroatien, dort haben wir uns im Geschäftsjahr 2007 vor allem auf den Erhalt von Genehmigungen und Zertifikaten konzentriert, um unseren Wettbewerbsvorsprung auszubauen. Das Bewusstsein für die Bedeutung der Qualitätssicherung sowohl unserer Produkte als auch Leistungen wurde durch zwei wichtige Genehmigungen bestätigt - im September haben wir auch in Kroatien das HACCP-Zertifikat erhalten. Das hat uns ermöglicht, Kunden wie Coca-Cola, die Bäckereikette Klara oder Ledo, Anbieter von Speiseeis und gefrorenem Obst und Gemüse, zu akquirieren. Dieses Zertifikat wird für uns zukünftig sehr wichtig sein, da Kroatien mit der Europäischen Union über den EU-Beitritt verhandelt. Die erhaltenen GMP-Genehmigungen für medizinischen Sauerstoff und Stickstoffoxydul haben unsere Leaderposition im Bereich der Medizingase bei den kroatischen Krankenhäusern gestärkt, wo wir über einen sehr großen Marktanteil verfügen. Es ist besonders wichtig zu betonen, dass keiner unserer Wettbewerber über alle erforderlichen Genehmigungen zur Herstellung und zum Vertrieb von Arzneimitteln verfügt.