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Interview mit Egon Glitz (Mai 2008)

„Wir gehen eigene strategische Wege in jedem Land Europas.“

Interview mit Egon Glitz, Senior Vice President Western Europe

Egon-Glitz

Westeuropa, das klingt etwas nach „old economy“ und heterogenem Markt – in welchem Maße trifft das auch auf die Aktivitäten von Messer zu?
Der Gasemarkt in Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Dänemark, Italien und der Schweiz ist in der Tat keinesfalls einheitlich. Abhängig von den Strukturen in den Ländern gibt es dort in unserem Geschäft große Unterschiede. Medizingase erhalten immer größere Bedeutung, vor allen Dingen das Home-Care-Geschäft in Italien oder Belgien - hier sei etwa der Erwerb des belgischen Medizintechnik-Unternehmens OxysphAir durch unsere Tochtergesellschaft Messer Belgium genannt. Einmalig ist auch unser Rohrleitungsverbund in Spanien, im Industriekomplex in Tarragona bei Barcelona, in dem wir die dort angesiedelten Chemie- und Petrochemieunternehmen über eine Pipeline mit Sauerstoff und Stickstoff versorgen. Darauf aufbauend spüren wir eine dynamische Entwicklung im Bereich der Flaschenund Flüssiggase. Unsere Investition in eine neue Luftzerlegungsanlage, aus der wir unsere Produkte durch die kryogene Teilung der Luft erhalten, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Liefersicherheit. Der Bau der neuen Produktionsanlage und eines Gaseverflüssigers in El Morell ist zweifelsohne ein bedeutender Beitrag für die Zukunft Messers in Spanien sowie für gemeinsame Projekte innerhalb der Messer Gruppe mit europäischen Großunternehmen.

Wie viel mehr als die Sicherung des Bestandskundengeschäfts bedeutet der Ausbau der Produktionskapazitäten in Spanien?
Die neue Anlage, deren Inbetriebnahme für Juni 2008 geplant ist, wird uns die Produktunabhängigkeit sowohl für gasförmigen als auch flüssigen Sauerstoff und Stickstoff als auch für Argon garantieren. Die gegenwärtig in Betrieb befindliche Luftzerlegungsanlage in Vilaseca kann somit als Reserveanlage vorgehalten werden, um die Pipeline- und Bulkbelieferungen zu gewähr– leisten. Ein weiterer Schritt in Richtung Unabhängigkeit war der Erwerb der Anteile des Wettbewerbers Air Products an Messer Carburos durch die Messer Gruppe. Damit gehört die spanische Tochtergesellschaft zum ersten Mal seit ihrer Gründung zu 100 Prozent zu Messer. Der Prozess der Umfirmierung zu Messer Ibérica de Gases erfolgte zu Beginn des Jahres 2008. Als nächster Entwicklungsschritt der Gesellschaft wurde der Bau eines neuen Füllwerkes in Alicante ins Auge gefasst. Dieses Werk soll bis Ende 2008 fertiggestellt werden und wird zur Konsolidierung unserer Präsenz im Südosten Spaniens beitragen. Die an unserem Standort Vilaseca betriebene Anlage wird entlastet, die Gesamtproduktionskapazität sowie die Rentabilität gesteigert und unsere Position in den interessanten Märkten in Katalonien und Levante ausgebaut.

Wenn wir nach Frankreich blicken, wie viel von der französischen Lebensart spiegelt sich in Ihrem Geschäft wider?
Essen wie Gott in Frankreich - nicht von ungefähr haben wir im Jahr 2006 eine Produktreihe namens „Gourmet“ eingeführt. Gourmet, das sind Gasgemische, die in der Nahrungsmittelherstellung und -weiterverarbeitung eingesetzt werden. Frankreich ist dabei unser größter Markt für den Einsatz von CO2 in der Lebensmitteltechnik. Wir betreiben eine CO2-Produktion im südfranzösischen Lavéra und zwei weitere Anlagen in Nangis und Rouen, denn unsere führende Stellung halten wir durch eine gesicherte Versorgung und durch innovative Technologieentwicklung. In Mitry-Mory - in der Nähe von Paris - arbeiten wir in einem Kompetenzzentrum für Lebensmitteltechnologien gemeinsam mit unseren Kunden an neuen Anwendungen. Technologien zur Sicherung einer ununterbrochenen Kühlkette mithilfe von Trockeneis spielen dabei eine enorme Rolle. Ein Beispiel ist die patentierte Cryo2pack-Technologie, damit lassen sich Trockeneisbeutel sicher und kostengünstig herstellen: Der Konzern Carrefour Logidis hat sich im Jahr 2007 entschieden, nach und nach alle seine Standorte mit diesem Verfahren auszurüsten. Als Auftakt hat Messer France zwei Cryo2pack5-Anlagen an den Standort Plaisance du Touch bei Toulouse vermietet, gekoppelt mit einem Liefervertrag über 1.800 Tonnen flüssigem CO2 pro Jahr. Der Vertrag mit Carrefour Logidis ist ein wichtiger Meilenstein in der Vermarktung dieser Technologie, da der Konzern eine der größten Referenzen auf dem Lebensmittelmarkt ist.

Welche strategischen Wege schlagen Sie in den Ländern Belgien und den Niederlanden ein?
In Belgien haben wir mit der ehemaligen Oxydrique eine über 100 Jahre alte Gesellschaft – in den Niederlanden sind wir mit 15 Jahren eher „sehr kurz“ im Industriegasemarkt tätig. In unserem Geschäft braucht man mindestens zehn Jahre, um sich eine ordentliche Marktposition zu erarbeiten. In Belgien hat der Ausbau unseres Bestandskundengeschäfts eine sehr hohe Priorität – wir setzen auf Service, neue Technologien und Sicherheit. In Machelen wurde im Jahr 2007 ein neuer „Sicherheitsraum“ für die Herstellung von reaktiven Gasgemischen in Betrieb genommen. In den Niederlanden möchten wir dagegen neue Kunden gewinnen, die wir vor allem durch unsere Technologien zum Schweißen und Schneiden im Metallbau sehen. Im gesamten administrativen und logistischen Bereich arbeiten wir in Benelux synergetisch, um die Kunden kostengünstig und pünktlich zu beliefern. Sehr interessant ist auch der Einsatz von Kohlendioxid in Gewächshäusern. Die Ziele des Unterglasanbaus bei Gärtnereibetrieben sind natürlich vor allem wirtschaftlicher Art. Pflanzen werden daher oft mit Kohlendioxid „gedüngt“, um ihr Wachstum zu verstärken. Einfacher und preiswerter geht das mit reinem CO2. In der Gewächshausatmosphäre nimmt durch den CO2-Verbrauch der Pflanzen die Konzentration an Kohlendioxid – zur Fotosynthese absolut notwendig – tagsüber stetig ab. Dieser Mangel lässt sich aber durch eine gezielte CO2-Zufuhr in Verbindung mit Licht ausgleichen. Traditionell werden die Glashäuser mit Erdgas beheizt und das bei der  Verbrennung entstehende CO2 wird gereinigt und in das Gewächshaus eingeleitet. Kosten spart der, der den CO2-Gehalt in seinem Gewächshaus dann mit reinem Kohlendioxid aus der Gasflasche oder dem Speichertank anreichert.

Italien – da denkt man spontan an Zusammenhalt und Familie. Gibt es diesen Zusammenhalt mit Ihren Kunden?
Ja, ich glaube schon, dass es zwischen uns als Familienunternehmen und unseren eigentümergeführten Kunden eine Solidarität gibt. Die Infrastruktur im Nordosten, im Veneto, ist stark davon geprägt und sehr dynamisch – das ist gut für uns im Bereich Lebensmitteltechnologien und Schweißtechnik. Es gibt in Italien viele kleine spezialisierte Unternehmen in Familienhand. Wir haben beispielsweise einen Kunden, der Tag und Nacht mit den Familienmitgliedern eine Laseranlage betreibt und die Automobilindustrie beliefert.

In Italien beziehen Sie Ihr CO2 aus einer Naturquelle. Ist das nicht ökologisch bedenklich im Vergleich zur CO2-Gewinnung aus Industrieabluft?
Absolut nicht! Das CO2 aus der Naturquelle entweicht kontinuierlich in die Atmosphäre. Wir fangen es auf und reinigen es, sodass es vor allem im Lebensmittelund Getränkebereich eingesetzt wird. Ein sehr interessanter Kunde ist in diesem Zusammenhang San Pellegrino. San Pellegrino stellt „natürliches Mineralwasser“ her, angereichert mit „natürlicher Kohlensäure“. Ich möchte betonen, dass alles Kohlendioxid, was wir produzieren und vertreiben, als „grünes CO2“ verstanden werden darf. Wir nutzen CO2, das ansonsten emittiert würde, vor allem als Kälteträger, denn konventionelle Kühlung verbraucht viel Energie. Wir führen CO2 einer wirtschaftlichen Nutzung zu und vermeiden dadurch Umweltbelastungen, etwa bei der Wasseraufbereitung und pH-Wert-Neutralisation – das gilt für uns wie für alle unsere Wettbewerber.

Und zum Schluss die Schweiz – klein, aber fein?
Sehr fein! Messer in der Schweiz ist unser Spezialist. Die Flaschen sind optimal gepflegt, die Abfüllmengen entsprechend der Marktgröße klein. Wir haben dort eine sehr große Kompetenz bei den Spezialgasen und produzieren nicht nur für Westeuropa, sondern auch für Osteuropa. Eine weitere Stärke ist unser Steam-Reformer zur Herstellung von hochreinem Wasserstoff. Bei der Abfüllung von hochreinem Helium mit 300-bar-Technik ist die Schweiz führend in der Alpenrepublik und in der Messer Gruppe. Dabei produziert Messer Schweiz in Lenzburg seine Energie ökologisch in einem hauseigenen Wasserkraftwerk – eine weitere Besonderheit. Von „klein“ kann aber bald keine Rede mehr sein. Mit Lonza hat Messer einen Vertrag zum Bau einer Luftzerlegungsanlage beschlossen. Messer Schweiz investiert rund 33 Millionen Schweizer Franken in die Produktionsanlage auf dem Gelände der Lonza AG in Visp/Lalden im Schweizer Kanton Wallis. Lonza ist weltweit führender Hersteller chemischer und biotechnologischer Wirkstoffe und Produkte für die Life Sciences Industrie. Messer wird in Visp/Lalden die Industriegase Sauerstoff, Stickstoff und Argon für Lonza, den Schweizer und italienischen Markt sowie medizinischen Sauerstoff für den Krankenhaus- und Home-Care-Bereich herstellen. Mit diesem Produktionsstandort verfügt die Messer Schweiz AG nun über eine der umfassendsten Produktpaletten im eigenen Land und ist so hervorragend positioniert für einen weiteren Marktausbau. Die Kooperationen zwischen Messer Schweiz und Messer Italia sind ein gutes Beispiel für länderübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der Messer Gruppe.